From Far Away
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Er gehört zu mir ...

Hier eine Story, die ich vor etwa 3 Jahren mal angefangen habe zu schreiben. Hatte dann jedoch anderes zutun und so bekam sie nie ein Ende. Vielleicht werde ich sie irgendwann mal weiter schreiben.

 

Als ich so gegen 6 Uhr bei Nico eintrudelte, musste ich feststellen, dass ich auf der Party das einzigste Mädchen war.

Doch das störte mich nicht – im Gegenteil. Ich war eigentlich sogar ganz froh denn jetzt hatte ich freie Bahn. Freie Bahn um mich an Timo ranzumachen!

Die ersten 2 Stunden verbrachten wir mit Alkohol trinken und Flaschen drehen. Leider hatte ich beim Flaschendrehen die Arschkarte gezogen. Da ich das einzigste Mädchen auf der Party war, war ich auch die jenige, die von JEDEM Jungen geküsst werden musste. Ich hatte keine Chance mich dagegen zu wehren. Die Jungen waren in der Überzahl und hielten mich bei jedem Kuss fest. Die leere Bierflasche drehte sich und jedesmal hoffte ich, dass Timo drankommen würde, doch dazu kam es nicht. Timo hatte Glück (und ich ein riesengroßes Pech, doch so schnell gebe ich mich nicht geschlagen!). Es dauerte nicht lange, bis wir 2 ganze Bierkästen leer getrunken hatten.

So gegen halb 9 kam Jan und brachte 3 Flaschen Apfelkorn mit. Jubelnd begrüßten ihn die Jungen, als sie die 3 Flaschen in seinen Händen erblickten. Wir setzten uns alle an den Esszimmertisch und ließen die Flaschen rumgehen.

Nach der 3. Runde wurde mir schwindelig, doch ich riss mich zusammen um nicht aufzufallen. Ich wollte nicht als Loserin dastehen, deshalb nahm ich einen Schluck und reichte die Flasche dann weiter. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich Timo. Er schien noch ziehmlich nüchtern zu sein, aber irgendewtas stimmte mit ihm nicht. Er sah irgendwie komisch aus.

"Leute, ich hab euch etwas mitzuteilen," unterbrach Timo das laute Gelächter der anderen. Nun starrten ihn alle an; er hatte eine sehr ernste Miene aufgelegt. "Nächste Woche werde ich umziehen. Dann werde ich euch nie mehr wieder sehen können. Meine Eltern wollen nach Kanada auswandern," erklärte Timo. Hatte ich mich da grade etwa verhört? "Ich habe schon alles mögliche versucht, meine Eltern davon abzuhalten nach Kanada auszuwandern, doch sie wollen ihre Meinung nicht ändern." Nein, ich hatte mich nicht verhört - Timo wandert aus und dann werde ich ihn nie mehr wieder sehen können! Anscheinend hatten die anderen Jungen Timo nicht geglaubt, denn sie waren alle schon wieder anderweitig beschäftigt. Ich dagegen konnte an nichts anderes mehr denken.

Schließlich kam wieder eine der Kornflaschen bei mir an. Ich nahm sie in die Hand und hielt sie mir vor die Augen.Sie war halbleer, oder war sie doch halbvoll? Ich war gerade wieder mit den Gedanken bei Timo, als Nici schrie: "Hey, Lena! Los, auf ex!" Ich ließ meinen Blick durch die Runde schweifen und stoppte bei Timo. Sein Gesicht konnte ich nur noch schwach erkennen. Ohne auch nur lange darüber nachgedacht zu haben, was das für Folgen haben konnte, setzte ich die halbleere Flasche an meine Lippen. Mit jedem Schluck, den ich nahm, wurde mir heißer und mein Kpof fing schon bald an zu dröhnen, doch ich gab nicht auf, bis die Flasche leer war. Endlich! Der letzte Schluck, dachte ich und schluckte den Rest aus der Flasche hinunter. Ich hatte es geschafft und und konnte nun stolz auf mich sein, denn ich hatte noch nie geschafft, so viel Korn zu exen. Mit einem breiten Grinsen stellte ich die Flasche auf den Tisch zurück, wobei ich Timo aber nicht aus den Augen ließ. Nun war mir zwar von dem Alkohol und dem Gedanken, dass ich Timo nie mehr widersehen würde, speiübel, doch das ließ ich mir nicht anmerken.

Ich entschuldigte mich kurz, dass ich auf die Toilette müsse, und wollte dann aufstehen. Bei dem Versuch aufzustehen scheiterte ich allerdings. Stattdessen fiel ich vorne rüber auf den Boden. Ich konnte mich gerade noch mit meinen Händen abfangen. Da ich nicht mehr genug Kraft hatte mich noch länger mit den Händen abzustützen, ließ ich mich einfach zu Boden fallen. Dann konnte ich Stühle hören, die zur Seite gerückt wurden. „Ist alles okay mit dir?“ fragte mich eine sanfte Stimme, die mir sehr bekannt war, mich aber nicht beruhigte, da sie sich anders anhörte, als sonst. Sie klang so ... besorgt. Es war Timo, der wahrscheinlich neben mir kniete.

Nun versuchte ich wieder zu mir zu kommen. Vorher hatte ich einfach nur mit geschlossenen Augen dagelegen, und den Stimmen um mich herum gelauscht. So langsam fuhren die Kräfte in mich zurück. Ich öffnete die Augen und entdeckte Jan, der sich über mich gebeugt hatte. Er schaute mit seinen hellen blaunen Augen in meine. "Komm, ich lege dich in Nicis Bett." Jan half mir auf die Beine. Er nahm meinen Arm und legte ihn über seine Schultern, damit ich mich an ihm abstützen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass der Boden unter meinen Füßen bei jedem Schritt zusammen brechen könnte.

Kurz bevor wir Nicis Zimmer erreicht hatten, fand ich meine Stimme wieder. Wir standen gerade in der Tür, als ich Jan bat das Zimmer zu verlassen. Ich wollte in diesem Moment nur noch allein sein. Jan zögerte, doch als ich ihn noch einmal ansah, nickte er. Behutsam nahm er meinen Arm von seinen Schultern und verließ dann das Zimmer. Immer noch etwas benommen setzte ich meinen Weg zum Bett  fort. Ein paar Schritte noch, dann hatte ich es geschafft. Doch dann - ganz unverhofft - verließen mich meine Kräfte. Vor Nicis Nachtschränkchen verlor ich das Gleichgewicht und fiel hintenrüber. Mein Kopf striff das Nachtschränkchen und knallte mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden. Bei dem Aufprall spürte ich keinen Schmerz ... Ich war zu schwach um mich zu bewegen ...

Plötzlich hörte ich, wie jemand das Zimmer betrat. Weil ich wissen wollte, wer es war,  versuchte ich meinen Kopf zur Seite zu drehen, jedoch vergebens. "Was ist passiert?Wir haben unten einen lauten Knall gehört und ich bin gleich hierhergekommen." Timo! Es war Timo, der das Zimmer betreten hatte. Ich erkannte ihn sofort an seiner zarten Stimme. Da hörte ich Schritte; Timo kam zu mir und drehte mich vorsichtig auf die Seite, so, dass ich mit dem Gesicht zum Bett lag. Dann hob er meinen Kopf hoch und legte mir etwas Weiches als Kissen darunter. Ich genoss jede einzelne Sekunde, in der er mich berührte. Sein Körper strahlte angenehme Wärme aus. Ich wollte ihm meine Zuneigung zeigen, doch ich war wie gelemt. Timo legte mein Kopf wieder auf das weiche Etwas. Ich stellte fest, dass er seine Jacke unter meinen Kopf gelegt hatte, denn ich erkannte sofort sein Geruch an der Jacke. Nachdem Timo mich versorgt hatte, legte er sich auf Nicis Bett. Er stützte seinen Kopf mit einer Hand ab und beobachtete mich, wobei er lächelte. Am liebsten hätte ich sein Lächeln erwiedert, doch ich konnte mich einfach nicht bewegen. So schauten wir uns eine Weile lang einfach nur an.

 

Ich weiß nicht, wie lange wir dort so lagen, mir kam es jedenfalls nicht sehr lange vor, aber als Timo auf seine Armbanduhr schaute und sich scheinbar wunderte, dass schon so viel Zeit vergangen war, wurde mir klar, dass wir doch schon ziehmlich lange dort gelegen hatten.

Er richtete sich auf. Wollte er etwa schon gehen? Nein, nicht jetzt! Er durfte mich jetzt nicht alleine lassen - besonders nicht er! Ich versuchte nach seinem Bein zu schnappen als er an mir vorbeiging, doch mein Arm rührte sich kaum von der Stelle.

Deshalb musste ich ihn gehen lassen, ob ich wollte oder nicht ...

 

Nie hätte ich gedacht, dass man sich so leer fühlen kann, wie ich es gerade tat. Mein Kopf war leer, ich konnte weder denken, noch mich bewegen, nichts, gar nichts. Es war so, als würde ich mit offenen Augen schlafen, doch konnte ich die Bewegungen um mich herum genauestens wahrnehmen.

Wieder einmal öffnete sich die Tür zu Nicis Zimmer und jemand beugte sich zu mir herunter. „Hey Süße, ist alles okay mit dir?“ Wie oft hatte ich diesen Spruch heute schon gehört? 3 oder 4 Mal? Diesmal hatte ich keine Lust, diese Frage zu beantworten, sondern schloss einfach nur meine Augen. "Lena?" Schließlich erkannte ich Jan an seiner Stimme. Er war einer der Jungen, die schon im Stimmbruch waren. Schon immer hatte er mit seiner - wie er immer zu sagen pflegte - männlichen Stimme angegeben.

"Lenaa?" Er hob meinen Kopf an. "Lena, kannst du mich hören?" Damit Jan nicht noch starb vor Sorgen, öffnete ich meine Augen wieder und blickte in die seinen. Seine strahlend blauen Augen erweckten ganz unverhofft ein Teil meiner Kräfte, sodass ich meinen Kopf nun selbst in der Luft halten konnte. Jan richtete sich auf. "Komm, ich helfe dir aufs Bett." Er nahm meinen Arm und warf ihn über seine Schulter. Zusammen setzen wir uns dann auf Nicis Bett.

Kurz nachdem wir uns aufs Bett gesetzt hatten, verließen mich  auch schon wieder meine eben erst wiedergewonnenen Kräfte. Ich konnte mich nicht mehr länger aufrecht halten und mein Körper sackte in sich zusammen. Mein Kopf knallte erst gegen die Wand hinter mir und landete dann auf Jans Knien. Ich versuchte mich zusammenzureißen und aufzustehen, doch dazu hatte ich keine Kraft mehr.

"Komm her." Jan zog mich vorsichtig an meinen Schultern zu sich hoch. Nun lag mein Kopf auf seiner Brust.

Wie wir da so saßen, musste ich mich wieder an Timo erinnern. Bei dem Gedanken, ihn nie wieder sehen zu können, kamen mir die Tränen. Vergeblich versuchte ich sie zu unterdrücken. "Was ist los?", fragte Jan verwirrt. Da sprudelte alles aus mir heraus. Was ich für Timo empfinde, wie lange ich ihn schon liebe .... Einfach alles!

Ich konnte nicht eher stoppen, bis ich alles erzählt hatte. Als ich Luft holte um den letzten Satz zu sagen, fühlte ich mich irgendwie erleichtert. Ich hatte alles gesagt. Plötzlich kamen mir die Tränen, denn ich musste schon wieder daran denken, dass ich Timo bald nie mehr wiedersehen würde. Jan schüttelte nur den Kopf. "Was ist denn so toll an Timo?", fragte er mich immer und immer wieder doch ich wusste keine Antwort darauf zu geben. Irgendwann beantwortete ich die Frage dann."... Einfach alles ..." So saßen wir dort noch eine ganze Weile - ich heulend und Jan schwieg.

 

 

„Ich will runter zu Timo!“ schrie ich. Ich wollte jetzt nur noch zu ihm, ihm in die Arme fallen, ihn küssen ... Ich versuchte aufzustehen um nach unten zu gehen, doch Jan zog mich immer wieder zurück zu sich aufs Bett. Er meinte nur: “Timo ist schon längst gegangen. Er ist ein Feigling! Lässt so ein süßes Mädchen wie dich im Stich ...“ Das wollte und konnte ich nicht glauben. Ich musste mich selbst überzeugen, auch wenn ich nachher noch mehr heulen würde, wenn ich feststellen musste, dass Timo wirklich schon gegangen war.

Schließlich hatte ich Jan überzeugt und er half mir die Treppe hinunter. Meine Beine fühlten sich so an, als wären sie aus Gummi, doch mit Jans Hilfe schaffte ich den Weg durchs Treppenhaus.

Im Wohnzimmer angekommen, setzte er mich aufs Sofa. Ich holte tief Luft und lauschte den Stimmen und der Musik im Haus. Draußen hatte es mittlerweile angefangen zu regnen. Dicke Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben. Ich weiß nicht, wie lange ich dort so saß... Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer und – als hätte ich es nicht anders geahnt – Timo betrat den Raum; dabei lächelte er so lieblich, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. Die Reaktion meines Körpers darauf war vorauszusehen: schon wieder verlor ich meine Kräfte. Ich konnte mich kaum noch aufrecht halten und verlor das Gleichgewicht. Um nicht vorn über zu fallen, griff ich mit einer Hand zur Sofalehne, doch ich war zu schwach, um mich noch rechtzeitig abstützen zu können. Mit einem lauten Knall donnerte ich auf den Boden zwischen Couchtisch und Sofa.

Als ich meine Augen wieder öffnete, konnte ich sehen, wie jemand den Tisch beiseite schob.

In meinem Kopf spielten die Gedanken verrückt, was es mir nicht gerade leichter machte, meine Tränen zu unterdrücken. Schritte waren zu hören, doch konnte ich niemanden weder sehen noch hören.

Ich schloss meine Augen erneut und versuchte meine Gedanken wieder in den Griff zu bekommen. Eine Frage jedoch ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Hatte Timo etwa MICH angelächelt? Hatte er FÜR MICH gelächelt, und dass mit dem süßesten Lächeln das ich je gesehen hatte?

„Nici, hatte ich nicht gesagt, ihr sollt alle draußen bleiben?!“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen und ich öffnete meine Augen. Dann drehte ich meinen Kopf etwas zur Seite, sodass ich erkennen konnte, was los war.

Die Tür zum Flur stand sperrangelweit offen und Nici darunter, der verblüfft Timo anstarrte, welcher mit verschränkten Armen vor ihm stand. Timo war also derjenige, dessen Schritte ich zuvor gehört hatte.

„Jaja, ist ja schon gut! Ich hab nur meine Flasche hier vergessen,“ beruhigte Nici Timo. Dieser verdrehte nur die Augen, brachte Nici seine Flasche und schob ihn dann wieder aus der Tür. Er holte noch einmal tief Luft und drehte sich dann zu mir um. Aus Reflex schloss ich sofort meine Augen. Nun versuchte ich durch Lauschen herauszufinden, was Timo vorhatte.

Leider verhielt sich Timo so leise und das Radio war viel zu laut, dass ich kaum etwas hören konnte.

Plötzlich konnte ich Schritte neben mir wahrnehmen. Sie hielten kurz vor mir und jemand legte sich neben mich auf den harten Teppichboden.

Nun konnte ich warmen Atem auf meiner kalten Wange spüren. Mein Herz raste und mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. –War es wirklich Timo, der sich gerade neben mich gelegt hatte und dessen Atem meine Wangen zum Glühen brachte?, schoss es mir durch den Kopf. Es gab nur eine Lösung dies herauszufinden: Ich musste nachsehen!

Eine Weile zögerte ich – genoss aber auch die Nähe zu dem jenigen, der sich vor mich gelegt hatte – und öffnete dann vorsichtig meine Augen.

Zuerst sah ich nur Umrisse und nach kurzer Zeit konnte ich dann erkennen, wer sich neben mich gelegt hatte. –Es war Timo. Innerlich machte ich Freudensprünge, äußerlich jedoch regte sich nichts. Der Anblick seiner Teddy-braunen Augen ließ in mir das Gefühl in einer Traumwelt zu sein, aufsteigen. Wiedereinmal lächelte Timo - und diesmal wusste ich, dass das Lächeln nur für mich bestimmt war – und hob seine Hand. Zärtlich strich er mir die Haare aus dem Gesicht. Ich konnte spüren, wie sich die Härchen auf meinem Nacken aufrichteten. Nie hätte ich damit gerechnet, einmal so nah neben Timo liegen zu dürfen.

„... Ich habe gehört, was in Nicis Zimmer passiert ist“, meinte Timo schließlich leise.

Das brachte mich etwas in Verlegenheit und ließ mein Gesicht rot anlaufen. Jetzt wusste er also, was ich für ihn empfand.

Als Timo bemerkte, dass mir die Situation peinlich war, lächelte er erneut, sodass ich mich wieder voll und ganz auf ihn konzentrierte und alles andere um mich herum vergaß.

„Das muss dir nicht peinlich sein. Im Gegenteil, ich finde das sogar sehr süß!“ Ich lächelte verlegen und Timo erwiderte dies mit einem verschmitzten Lächeln; unsere Blicke trafen sich. Stille.

 

Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, als Timo schließlich das Schweigen brach und seinen Blick von mir abwandte. „Ich hab da auch etwas, dass ich dir gestehen muss...“

Neugierde überfiel mich. Was konnte das nur sein, was Timo mir sagen wollte? Etwa dass er mich ... Ich wagte es erst gar nicht, diese Gedanken zu beenden, stattdessen fuhr Timo fort: „Weißt du noch, wie du mir zu Valentinstag diese Karte mit der Rose geschickt hast? ... Die Rose ist leider verwelkt, aber die Karte habe ich noch. Sie liegt in meinem Nachtschränken neben dem Bett ...“ Timos Gesicht nahm an Röte zu.

„ ... Seitdem sehe ich dich aus ganz anderen Augen ... Seitdem empfinde ich ganz anders für dich.“ Timo schloss die Augen, dann zog er mich noch näher an sich ran. –Das ist nur ein Traum und ich werde jeden Moment aufwachen, anders kann ich mir das Ganze hier nicht erklären. ... Dann will ich aber nie mehr aufwachen! Wieder spürte ich Timos Atem auf meinen nun glühenden Wangen. Da legte Timo seinen Arm um mich. –Nein, das kann kein Traum sein! All diese Berührungen fühlen sich so echt an.

Timo hielt seine Augen immer noch geschlossen, während ich mühevoll nach einer passenden Antwort suchte. Ich hatte mir grade den perfekten Satz zusammengepuzzelt, als Timo seine Augen wieder öffnete. Unsere Blicke trafen sich. Meine Gedanken waren nur auf ihn gerichtet und ich war ufähig nur ein einziges Wort herauszubringen.

Kurz darauf nahm Timo einen seiner Arme von mir los. Meine innere Stimme flehte ihn an, er solle den Arm wieder um mich legen, jedoch hatte ich weder die Kraft noch den Mut dazu, ihm das sagen zu können. Doch zum Glück lag ich da falsch. Timo nahm mein Gesicht sanft in seine Hand; er zog mich noch näher an sich ran, sodass sich unsere Nasenspitzen schon fast berührten.

Mir schlug das Herz bis zum Hals, mir war heiß und im nächsten Moment gleich wieder kalt. Dann schloss ich die Augen. Immer noch konnte ich Timos warme Hand spüren. Sie gab mir das Gefühl von Geborgenheit. Sogleich entspannte ich mich ein wenig. Jedoch konnte ich nun einen neuen Drang verspüren, den Drang Timo zu küssen. Langsam öffnete ich meine Augen ... und blickte genau in Timos Augen. Doch seine Augen sahen anders aus als sonst. Sie glitzerten in dem Licht der Deckenlampe.

Sind das etwa Tränen in seinen Augen? Und da kullerten sie auch schon, zwei dicke Tränen. Ohne auch nur zu wissen, was ich da tat, hob ich einen Arm und wischte ihm dir Tränen aus dem Gesicht. Timo erwiderte meine Geste, indem er die Augen schloss.

Inzwischen hatte Timo sich von mir abgewandt und sich auf den Rücken gelegt. „Weißt du jetzt, was ich dir noch sagen wollte?“ fragte mich Timo schließlich. Da ich kein Wort rausbringen konnte und mir auch nicht ganz sicher war, was er nun gemeint hatte, schüttelte ich nur den Kopf. Dann drehte Timo den Kopf zu mir und schaute mir tief in die Augen. „Ich habe mich in dich verliebt.“

 

Ich habe mich in dich verliebt ... In meinen Gedanken wiederholte ich diese Worte immer und immer wieder. ...verliebt ...

Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich endlich begriffen hatte, dass ich nicht träumte. Noch nie zuvor hatte ich so einen großen Drang so laut zu schreien, wie es nur geht. – Doch dieser Drang wurde auch schon wieder durch einen anderen Gedanken verdrängt.

Das hat alles keinen Sinn! Timo zieht schon sehr bald weg ...

Dieser Dummkopf! Wieso hätte er nicht einfach schweigen können, dann ginge es mir jetzt nicht noch beschissener als vorher!... Aber ihm so etwas ins Gesicht zu sagen ... das bring ich nicht übers Herz, dazu wäre ich viel zu feige – gerade wenn es um Timo geht.

Aber ... anders gesehen, kann ich Timo auch verstehen. Wäre ich an seiner Stelle, hätte ich wahrscheinlich genauso gehandelt. Und ich weiß auch, wie schwer es ist, wenn man versucht, jemanden den man liebt,  zu vergessen ... Bei diesem Gedanken fiel mein Blick auf Timo, der ruhig atmend neben mir lag. Mal wieder schaffte er es, mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Lange ist kein einziges Wort zwischen uns gefallen, lange hatten wir einfach nur so da gelegen und dem Radio gelauscht.

Irgendwann wollte ich dann die Initiative ergreifen und Timo etwas fragen, doch mir fiel einfach keine Frage ein. In meinem Kopf herrschte gähnende Leere. Je mehr ich mich anstrengte eine Frage zu finden, um so mehr schmerzte meine Stirn. Nach langem Kampf gegen die Schmerzen, gab ich schließlich auf und widmete mich wieder der Musik aus dem Radio.

Der Radiosprecher kündigte gerade das nächste Lied an. „Und hier ein Liederwunsch von einem Mädchen, das mit diesem Lied ihren Freund grüßt, der vor kurzem weggezogen ist. Sie wohnen viele hundert Kilometer auseinander und halten trotzdem zusammen, das nenn ich wahre Liebe! Und nun `Hey there Delilah´.“ Bei der Ansage dieses Liedes wurde ich hellhörig (wie es schien, ging es Timo genauso, denn er blickte zum Radio auf, das auf dem Regal an der Wand stand) und spitzte die Ohren, da ich mich so ziemlich in derselben Lage befand, wie das Mädchen aus dem Radio. Dann wurde das Lied eingespielt:

 

 

Hey there Delilah

What´s it like in New York City

I´m a thousands mile away

but girl tonight you look so pretty,

yes you do

Times Square can´t shine as bright as you

I swear it´s true

 

Hey there Delilah

Don´t you worry abaut the distance

I´m right there if you get lonely

Give the song another listen

Close your eyes

Listen to my voice it´s my disguise

I´m by your side

 

[…]

 

Hey there Delilah

I know times getting hard

But just believe me girl

Someday I play the bills with this guitar

We´ll have it good

We´ll have the life we knew we would

My word is good

 

Hey there Delilah

I´ve got so much left to say

If every simple song I wrote to you

Would take me breath away

I´d write it all

Even more in love with me you´d fall

We´d have it all

 

[…]

 

A thousand miles seems pretty far

But they´ve got planes and trains and cars

I´d walk to you if there is no other way

Our friends would all make fun of us

And we´ll just laugh along because we know

That none of them have felt this way

Delilah I can promise you

The world will never ever be the same

When you´re to blame

 

Hey there Delilah

You´llbe good and don´t you miss me

Two more years and you´ll be done with school

And I´ll be making history like I do

You know it´s all because of you

We can do what ever we want to

Hey there Delilah here´s to you

This one is for you …

 

 

 Nie zuvor hatte mich ein Songtext so sehr berührt wie dieser. Ich hatte vorher noch nie etwas von diesem Lied gehört, obwohl ich eigentlich immer auf dem neusten Stand war, wenn es um Musik ging. Meine Augen füllten sich mit Tränen, welche dann langsam meine Wangen runterkullerten. Dieses Lied ... als wenn es für meine jetzige Situation geschrieben wurde. Ich wünschte, mein Lied hat auch ein Happy End. Ich seufzte fast unhörbar. Da stand Timo auf und bewegte sich in Richtung Terrassentür. „NEIN!“, schrie ich in meinen Gedanken, jedoch versagte meine Stimme abermals. Verlass mich nicht ... zumindest jetzt noch nicht ...  Timo öffnete die Terrassentür und verschwand nach draußen. Stimmen waren draußen zu hören.

Stunden vergingen, so dachte ich, ohne, dass Timo wieder reinkam. Ich zögerte nicht lange, sammelte meine Kräfte und versuchte mich aufzurichten. Als ich es gerade geschafft hatte mich auf den Armen abzustützen, betrat Timo wieder den Raum. Sofort kam er mir zur Hilfe. Er beugte sich über mich und streckte seine Arme nach mir aus. Verwirrt starrte ich diesen an. Timo lachte leise, zog mich aber dann an den Armen hoch. Fast wäre ich wieder zusammengesackt, doch Timo zog mich an sich, sodass ich mich an ihm abstützen konnte. „Komm wir gehen nach draußen etwas frische Luft schnappen. Das wird uns beiden gut tun.“

 

Draußen setzten wir uns auf eine Gartenbank. Timo ging noch einmal ins Haus und kam mit einer Decke wieder, die er dann über unsere Schultern legte. Ich schmiegte mich an ihn. Es war ein kühler Sommerabend, die Sonne war schon hinter den Bäumen der Nachbarn verschwunden. Sie tauchte den sonst dunkelblauen Himmel in ein feuriges rot. Dieser Himmel erinnerte mich an einen Abend, den ich mit Freunden vor etwa einem Monat verbracht hatte. Timo war auch dabei gewesen. Wir saßen zusammen am warmen Lagerfeuer und sangen, begleitet von Timo und Jan mit Gitarren, Lieder. Damals hatte ich gegenüber von Timo gesessen, sodass ich ihn unauffällig beobachten konnte. Ich hatte ihn zum ersten Mal Gitarre spielen sehen und war hin und weg. Es kam mir so vor, als ich auf seinen gespielten Noten in den Himmel schwebte.

 Während sich schon viele in ihre Zelte zurückzogen, wollte ich noch etwas Zeit für mich allein verbringen und blieb zurück am Lagerfeuer. Die Wärme des Feuers durchzog meinen ganzen Körper. Da erfasste eine noch viel wärmere Hand meine Schulter. Es war Timo, der sich nun neben mich auf die Bank setzte. „Na du.“ Sogleich wurde meine Nase von seiner Fahne gequält. Ich wich ihr aus indem ich mein Gesicht zum Lagerfeuer drehte. „Na das ist ja eine tolle Begrüßung“, beschwerte sich Timo beleidigt. „Nein, so war das nicht gemeint. Du hast nur zu viel getrunken. Du hast´ne Fahne.“ „Na wenn’s weiter nichts ist“, lachte er.

Plötzlich legte er seinen Arm auf meine Schulter. Ich war so erschrocken, dass ich nur ins Feuer starrte und mich nicht regen konnte. Timo sagte auch nichts, sodass wir eine lange Zeit schwiegen. „Hey ihr 2 Turteltäubchen!“, unterbrach Hanna, eine gute Freundin von mir, die Stille. „Tut mir leid, dass ich euch störe, aber Lena, du solltest jetzt auch schlafen gehen. Du weißt doch, du musst morgen noch Babysitten.“ Timo wirbelte herum: „ Ach Hanna erschreck mich doch nicht so! Na ja macht nix, ich wollt gerad sowieso gehen.“ Ohne noch ein Wort zu sagen, verschwand Timo in seinem Zelt.

 Bis vor kurzem konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären, doch seit heute verstehe ich es. Bei dem Gedanken konnte ich mir ein lächeln nicht verkneifen. Timo hatte mich aus dem Augenwinkel beobachtet und legte nun seinen Arm um meinen Bauch. Im selben Moment wurde mir schlecht und ich zuckte zusammen. „Was ist los?“, fragte Timo besorgt und gleichzeitig auch etwas gekränkt, „hab ich was falsch gemacht?“ „Nein, nein. Mir ist nur etwas schlecht.“ „Moment, ich hole dir ein Glas Wasser.“ Nein, geh nicht schon wieder! In der Zeit, wo du die Decke geholt hast, habe ich mich schon nach die gesehnt. Ich will dich nicht noch einmal gehen lassen! Als Timo gerade aufstehen wollte, krallte ich mich in sein Shirt, sodass er keine andere Wahl hatte, als sich wieder hinzusetzen. „Na gut, dann werden wir wohl oder übel anders gegen deine Übelkeit ankämpfen müssen.“ Ein leichtes Grinsen war auf Timos Lippen zu erkennen. Dann trafen sich unsere Blicke. Seine Teddybär-braunen Augen funkelten bei den letzten Sonnenstrahlen des späten Abends. Diese Augen werde ich nie wieder sehen können. Ich werde ihn vermissen. Mein eigener Seufzer riss mich aus meinen Gedanken und ich wandte meine Blick nur zögernd von Timos Augen ab. Dieser zog mich daraufhin noch näher an sich heran. Plötzlich spürte ich seine weiche Hand an meinem Kinn. Ich zuckte zusammen, doch ich erwiderte seine Geste und ließ mich von ihm führen. Seine Hand strahlte eine Wärme aus, als hätte ich mein Kinn in ein Wärmekissen gegraben. Nun berührten sich schon fast unsere Nasenspitzen und mein Blick wanderte wieder zu seinen Augen. Sie zogen mich förmlich in ihren Bann. Man konnte ihnen nicht widerstehen, ich war wie gefesselt.

 

1.7.11 00:29
 


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